Kulturkritik

Kulturgut statt Konstrukt – eine Kritik am Kulturalismus der Linken

Der Essay kritisiert einen Kulturalismus, den die politische Linke derzeit als Gesellschaftsmodell betreibt. Konzepte wie „Willkommenskultur“ oder „Interkulturalismus“ verfolgen eine normative Politik, die ein theoretisches Konstrukt von Kultur als verbindliche Praxis umsetzen will. Als Gegenposition dazu stützt sich der Essay auf ein ontologisches Verständnis von Kultur als der Gesamtheit eines immateriellen und materiellen Kulturguts einer Gesellschaft mit besonderer Prägung durch ihren Kulturraum und Kulturkreis. Geistesgeschichtlich bezieht sich dieser Ansatz auf Johann Gottfried Herder, Wilhelm von Humbold und Ernst Cassirer. Das „Kulturgut“-Modell bildet in der Konsequenz einen Gegenentwurf gegen Kulturrelativismus, Kulturpessimismus und die Kulturnivellierung der Globalisierung

 

Viele Interessensvertreter beschwören derzeit eine „Willkommenskultur“, um fremdstämmigen Menschen das Ansiedeln in Deutschland zu ermöglichen. Linke fordern dies ebenso wie Wirtschaftslobbyisten, Staatsorgane ebenso wie Autonome. Nicht nur diese Allianz ist ungewöhnlich. Das scheinbar Wohlmeinende des Begriffs offenbart ein fragwürdiges Verständnis von Kultur.

Wer derzeit bildhaft von „Willkommenskultur“ spricht, zielt darauf ab, Deutschland ein verändertes Gesellschaftsmodell aufzuzwingen. Es ist ein Modell, mit dem Linkskulturalisten mit allen Mitteln des Social Engineering die Gesellschaft umzuformen versuchen. Mal bezeichnet als „Transkulturalität“ seitens der Sozialwissenschaften, mal als „Interkultur“ von Migrationsinitiativen gefordert, mal als „Diversity“ von Gewerkschaften und NGOs propagiert.

Die Frage ist allerdings, ob jene, die so nachdrücklich von Zuwanderung sprechen, eine Vorstellung davon haben, in welche Kultur denn inkludiert werden soll und welche Kulturleistung dabei eigentlich zu erbringen ist. Vielmehr ist zu vermuten, dass die Verfechter des Linkskulturalismus selbst nur eingeschränkt am Kulturerbe des eigenen Landes gebildet sind und den kundigen Umgang damit nicht vermögen.

Keineswegs liegt der Sinn einer Kultur vorrangig darin, für ein Willkommen oder Nichtwillkommen zu sorgen. Kultur ist in erster Linie Kulturleistung und damit Zumutung im besten Sinne. Sie verlangt ihrem Wesen nach, dass sich Menschen einen Zugang zu ihr erarbeiten, und sie entsteht aus dem Handeln erfinderischer Menschen und kulturtragender Schichten. Kultur ist das Proprium einer Gesellschaft, ebenso wie ihre Landessprache und ihr Hoheitsgebiet. Ihre Gestalt bildet sich im Kulturgut einer Gesellschaft aus, dem geistigen und gegenständlichen Werkschaffen, das ihr auf ihrem Weg durch die Geschichte zu Teil wird, das sie sich aneignet und das für sie kennzeichnend wird.

Selbstverständlich gibt es in allen Kulturkreisen seit jeher Bereiche des Kulturaustausches, in denen Wissen, Techniken und Güter verhandelt, und je nach dem Grad ihrer Vorzüglichkeit und Nützlichkeit aufgenommen werden. So verdanken wir überhaupt das erste Zeugnis der christlich-germanischen Kultur dem graeco-gotischen Bischof Wulfila, der in den 350er Jahren in einer kleinen römischen Kolonistenstadt im heutigen Bulgarien die Bibel in die Sprache der Westgoten übersetzte. (…)

Der Umgang der Menschen in einer bestimmten Umwelt und Umgebung befördert sowohl ihre Kulturtechniken als auch ihre Vergesellschaftung und die Ausbildung individueller und gruppenspezifischer Lebensstile. Ihre systemische, funktionale Ebene ist die Zivilisation. Wo sie sich strukturell in Figurationen und symbolischen Formen der Sinnvermittlung ausdrückt, ist sie Kultur. Sowohl können zivilisatorische Techniken zu Kulturgütern werden, als auch Kulturformen zivilisationsbestimmend. (…)

Eine Gesellschaft kann auf Ebene der Zivilisation starke Veränderungen aushalten. Aber sie verträgt auf Ebene ihrer Kultur keine Brüche von einer Stärke, die einem völligen Strukturbruch gleichkommen würden. Ein solcher Strukturbruch ist in der Regel gleichbedeutend mit einem totalen Kulturverlust und einer zerstörerischen Wesensveränderung einer Gesellschaft.

Ein solcher Strukturbruch muss nicht unbedingt jäh erfolgen, er kann sich auch schleichend über Jahrhunderte hinziehen, unbemerkt von den aufeinander folgenden Generationen, von denen jede etwas weniger Kulturhöhe hat als die vorangegangene. Um das Jahr 1000 herum waren Okzident und Orient auf einer vergleichbaren Entwicklungsstufe, aber schon damals wendete sich das Kräfteverhältnis: während die Architektur der Gotik mit ihrem schwebenden Ausgreifen in den Raum eine neue dynamische Kultur ankündigt, wird die koranische Arabeske zum Symbol einer stagnierenden und statischen Kultur.

Der christliche Kultur Europas führte zu immer neuen faszinierenden Kirchenbauten wie Gaudis Sagrada Familia in Barcelona, Corbusiers Wallfahrtskapelle Notre Dame in Ronchamp und zur wohl schönsten Kirche des 20. Jahrhunderts, der Temppeliaukio-Felsenkirche der Brüder Suomalainen in Helsinki. Die türkischen Moscheevereine bauen noch immer nach dem Muster, das ihnen die christlich-orthodoxen Byzantiner vor 1500 Jahren mit der Hagia Sophia vorgemacht haben. Der Weg des Westens führt zu Raumstation und Mars-Rover, der Weg des Vorderorients zur Sprengung der antiken Tempelruinen von Palmyra.

Was bewirkte diesen Unterschied im Geistesleben der Kulturen? Die islamische Welt erbte geopolitisch das gesamte Kulturerbe der antiken Hochkulturen, der hellenisch-römischen, der persischen und mesopotamischen, der jüdischen, der byzantinischen – aber sie entwickelte daraus keine neue Dynamik. Die Menschen der islamischen Welt lebten von der ererbten Substanz und verfielen nach wenigen Jahrhunderten in Stagnation. Die Europäer verfügten nach den Völkerwanderungen nur noch über vereinzelte urbane Kulturkerne – aber sie erschuf daraus alles: die Neuzeit, Humanismus und Aufklärung, Wissenschaften und Moderne. Um es aphoristisch zuzuspitzen: Das Morgenland erbte viel und machte daraus wenig, das Abendland erbte wenig und erschuf daraus eine neue Welt.

Es spricht für sich, dass die islamische Welt seit über einem halben Jahrtausend keine nennenswerten gesellschaftlichen Fortschritte hervorgebracht hat, weder auf funktional-zivilisatorischer Ebene (Demokratie, Recht, Technik, Forschung) noch auf strukturell-kultureller Ebene (Wissenschaft, Künste, Religion). Viele maßgebliche Künste entstanden eben nicht in islamischen Ländern, sondern nur in Europa und Ostasien – Bildhauerei und bildende Kunst, kirchliche Orchestermusik und symphonische Dichtung, Ballett und Tanz, Film, Bühnentheater – die Liste ließe sich fortsetzen. Dass ausgerechnet aus dem islamischen Kulturraum eine kulturelle Bereicherung für Europa kommen soll – wie manche Vertreter rotgrüner Parteien glauben – ist aus Sicht der Vernunft illusorisch und aus Sicht der Kunst nicht wünschenswert. Immer wieder erwies sich das Christentum in seiner Förderung der Künste als ausgesprochen kunstsinnig. Im Islam hingegen führte die Unterwerfung aller gesellschaftlichen Bereiche unter die Religion zu einem bis heute andauernden religiösen Kulturalismus. (…)

Wenn wir eingangs von linkem Kulturalismus sprachen, wie ist zunächst der Begriff „Kulturalismus“ zu verstehen? Kulturalismus ist weniger das Anliegen, ein gewachsenes Kulturgut mit einer entsprechenden Kulturtheorie zu begleiten, als vielmehr der Versuch, eine politisches Programm von Norm-Kultur zu eine neuen allgemeingültige Lebenspraxis zu machen. In ideologischer Zuspitzung bildet der Kulturalismus daher oft die Begleitmusik totalitärer Parteipolitik.

Die Wurzeln des Linkskulturalismus liegen im left culturalism, den zunächst Kulturtheoretiker wie Raymond Williams im England der 1960er Jahre entwarfen und aus dem Geiste des Marxismus herdachten. In den Folgejahren ergänzte die Linke ihre Doktrin um den vom italienschen Kommunisten Antonio Gramsci stammenden Begriff der „kulturellen Hegemonie“ – mit dem Anspruch auf Hegemonie griff sie danach zur Diskursherrschaft in Kulturwissenschaft und Politik. Das alte Marx´sche Konzept der „Masse“ erlebt eine zweifelhafte Auferstehung in Antonio Negris Begriff der „Multitude.“

Jedoch: Die längste Schreckensherrschaft eines solchen Kulturalismus war der „Sozialistische Realismus“, der aus dem Kommunismus und seinem Sowjetsystem hervorging. Gerade Linkskulturalisten erliegen der Versuchung, ihr Gesellschaftsbild nicht mehr aus der Wirklichkeit eines tausende Jahre verbindenden Kulturerbes herzuleiten, sondern an einem totalitärem Konstrukt von Gesellschaft zu bauen. Der heutige Linkskulturalismus beruht in entscheidendem Maße auf ideologischer Projektion.

Die dänischen Journalisten Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt haben in ihrem Buch „Die Politik der Segregation. Multikulturalismus – Ideologie und Wirklichkeit“ auf die verheerende Wirkung des aktuellen linken Kulturalismus hingewiesen. „Von der Linken hören wir kulturalistische Schlachtrufe nach Anerkennung der modernitätsfeindlichsten und unappetitlichsten kulturellen Praktiken“, schrieben die Autoren und meinten damit die falsche Toleranz gegenüber dem Islamismus und anderen postkolonialen Regimen.

Scheiternde Staaten sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, die berechtigte Kritik an ihren Menschenrechtsverletzungen und Staatspleiten als angeblich „kulturellen Rassismus“ zu diffamieren. Dieser Vorwurf aus dem Geiste des Totalitarismus hatte dabei stets die Sympathie der Linken auf ihrer Seite. Nicht selten wurde die Sympathie mit vorangegangenem postkolonialen Befreiungskampf zur Sympathie mit den sich daraus entwickelnden Diktaturen. Diese befremdende Verständnisinnigkeit der Linken mit undemokratischen Regimen erklärt sich aus einer gemeinsamen Neigung zur Allmachtsphantasie, ein Sympathisieren mit totalitärer Ideologie, das in ihrer eigenen Geschichte angelegt ist.

Selbst dort, wo sich Linke aktuell zu einer zaghaften Kritik am so genannten „Islamfaschismus“ aufraffte, erliegt sie der eigenen politischen Suggestion. Der Islamismus des beginnenden 21. Jahrhunderts, von seinen terroristischen Zellen bis zum Staatsterrorismus, hat in seiner Welterlösungs-Ideologie und seinem Gewaltgebrauch eine deutliche Strukturähnlichkeit mit dem roten Terror, etwa des Bolschewismus oder Maoismus. Die Ideologen des politischen und religiösen Terrors reagieren auf Andersdenkende seit je mit einer narzissistischen Gekränktheit, die in Vernichtungswut umschlägt. Das heutige Elend vieler vorderorientalischen Staaten ist keineswegs durch den Westen, sondern durch die Regime des arabischen Sozialismus verursacht, der die Gesellschaften jahrzehntelang totalitär überformt hat.

Seit dem Zusammenbruch des Sozialismus im Jahre 1990 war die Linke bestrebt, sich aus der geistigen Insolvenzmasse des Internationalismus eine neue Utopie der kulturellen Vielfalt zusammen zu zimmern. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet die Linke, die sich stets als Siegelbewahrer der Aufklärung verstanden hat, sich heute zu Steigbügelhaltern von Ideologien macht, die den Ideen der Aufklärung in fast jeder Hinsicht widersprechen. (…)

Erlauben wir uns einen kurzen Ausflug in den Kulturpessimismus. Der erste große Schlüsseltext der Kulturphilosophie im 20. Jahrhundert ist „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ von Georg Simmel aus dem Jahre 1911. Er schreibt: „Kunst und Sitte, Wissenschaft und zweckgeformte Gegenstände, Religion und Recht, Technik und gesellschaftliche Normen – sind Stationen, über die das Subjekt gehen muss, um den besonderen Eigenwert, der seine Kultur heißt, zu gewinnen“. Als tragisch beschreibt er die Tatsache, dass die stets anwachsende Masse von objektivierten Kulturgütern sich vom Subjekt gar nicht mehr fassen und nutzbar machen lässt, sondern als erstarrtes Gegenüber und Gegenstand von Überforderung wahrgenommen wird. Der Mensch hat „das Gefühl, von einer Unzahl von Kulturelementen umgeben zu sein, die für ihn nicht bedeutungslos sind, aber im tiefsten Grunde auch nicht bedeutungsvoll; die als Masse etwas erdrückenden haben, weil er nicht alles einzelne innerlich assimilieren, es aber auch nicht einfach ablehnen kann, da es sozusagen potentiell in die Sphäre seiner kulturellen Entwicklung gehört“. Kultur birgt, gerade indem sie sich akkumuliert, die Gefahr ihrer eigenen Ausblendung in sich.

Wenn es in der Tat gegenwärtig eine Tragödie der Kultur gibt, dann ist sie schon einen Schritt weiter: Wir sind heute nicht wirklich in der Situation, wo uns das übernommene Kulturerbe erdrückt und uns daran hindert, selbst eigene kulturelle Werte zu schaffen, sondern unsere Massengesellschaft steuert durch Bildungs- und Kulturverlust und ständige mediale Abgelenktheit auf eine Situation zu, in der es die Ungeschultheit, ja sogar Unkenntnis über unser Kulturerbe ist, die es den Menschen verunmöglicht, große Kultur zu erschaffen. Insofern könnte das Anliegen des Multi- und Interkulturalismus als der Versuch gelesen werden, sich erstens von der Präsenz einer ererbten Kultur zu befreien und zweitens die dadurch entstandene Leere mit niedrigschwelliger, performativer und ephemerer Unterhaltung zu füllen. (…)

Der Kulturphilosoph und Simmel-Schüler Ernst Cassirer entwickelte in seinem systematischen Hauptwerk einer Kulturphilosophie „Philosophie der symbolischen Formen“ (1929) den Gedanken, dass Menschen ihre Kulturgebundenheit in der Welt immer aus symbolischen Formen beziehen. Die symbolischen Formen bilden ein spezifisches Bedeutungssystem und sind damit funktional und zweckgerichtet: „Unter einer ‚symbolischen Form’ soll jede Energie des Geistes verstanden werden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeordnet wird. (…) Dies ist die Leistung, die wir in den einzelnen ‚symbolischen Formen’, die wir in der Sprache, im Mythos, in der Kunst sich vollziehen sehen.“

Cassirer überwand mit seinem Verständnis von fortwirkender Kultur nicht nur den zuvor beschriebenen kulturpessimistische Gedanken Georg Simmels, mit dem Hinweis auf die Bedeutung eines Sprachraums als Kulturraum wird die geistesgeschichtliche Verbindung deutlich, die von Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt zu Cassirer führt. Es ist für ihn der Sprachraum des Mythos, in denen sich der Mensch erstmals als Subjekt der Geschichte erfährt und sich seiner kulturellen Identität versichert. Im Narrativ des Mythos tritt die Kultur zum ersten Mal in den Prozess einer Formgebung, sowohl in der Sprache, dem Erzählen, aber auch in der darstellen und bildenden Kunst und schließlich auch in allen weiteren Bereichen von Kultur, auch in Religion, Wissenschaft oder Technik. Ordnungs- und Orientierungssysteme, die auch weiterhin fortlaufend durch Sprache verbunden bleiben. (…)

Liest man sich durch die Arbeiten der Gesellschaftswissenschaft und der Kulturphilosophie aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts – und Deutschland wurde zu dem geistigen Ort, wo aufgrund von Geopolitik und Geschichte der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus mit besonderer Intensität ausgeführt wurde – so bilden sie ein durchaus anschlussfähiges Forschungsprogramm. Eine ihrer zentralen Fragen ist, wie ein schichten- und klassenübergreifendes Gesellschaftsmodell gedacht werden kann, dass sowohl den Komplex der Ökonomie, Industrie und Technologie als auch den Komplex von Hochkultur und Volkskultur zu einem sinnvollen Ganzen aus Volk und Nation verbindet.

Die Antwort des Marxismus und Sozialismus auf diese Frage war eher schlichter, um nicht zu sagen primitiver Art: Kultur wird allenfalls als Überbauphänomen interpretiert, oder als Ausdruck der ohnehin abzuschaffenden Bourgeoisie abgetan, die durch eine proletarische Kultur zu ersetzen wäre. Aus diesem Geist entstand auch der „Sozialistische Realismus“ als ein erstes Beispiel von Linkskulturalismus.

Vertreter des bürgerlichen Liberalismus und des Konservatismus beantworteten die Frage allerdings vielfältiger und ideenreicher. Wie ließen sich technische Moderne, autochthones Volkstum und soziale Gerechtigkeit verbinden? Begriffe wie Volk und Nation, Kultur und Zivilisation, Land und Leute, Klasse und Rasse, Kunst und Leben, Individuum und Gesellschaft, Geist und Geld, Händler und Helden, Lebensphilosophie und Technokratie, Gemeinschaft und Gesellschaft treten, teilweise sogar als sprichwörtliche Buchtitel, in die Diskussion über soziale Ordnung, politische Verfassung und nationale Identität.

Der Kulturverlust, der 1933 in Deutschland einsetzt, lässt sich in der Terminologie Cassirers als ein Auslöschen „symbolischer Formen“ beschreiben, das auch nach 1945 unvermindert weitergeht. Bedeutende Baudenkmäler und historische Stadtkerne sind nicht durch anglo-amerikanische Bomben, sondern erst in der Nachkriegszeit von selbstherrlichen Stadtplanern zerstört worden. (…)

In der Nachkriegszeit verselbständigte sich die Negation symbolischer Formen hin zu einer gewollten Formlosigkeit der Stadt durch moderne Architektur und Verkehrswegeplanung. Als städtebauliche Prothesen, brutalistische Maschinen und vielspurige Schneisen fraßen sich diese Ergebnisse von Gedächtnisverlust, Gestaltungsverlust und Kulturverlust durch die historischen Stadträume und sorgten dafür, dass diese Räume auch als soziale Sprachräume verschwanden.

Als hätte all dies nicht gereicht, bemühten sich 68er nach Kräften, dieses Zerstörungswerk, diesen gezielten Sprachverlust auch am geistigen Kulturgut den späteren Generationen zur Last, wenn nicht gar zur Pflicht werden zu lassen. Ihr Geschichtshorizont beschränkte sich auf ein Jahrfünft, litt aber darüber hinaus an weitgehender Kulturvergessenheit. Gerne wiederholte man gebetsmühlenartig die These vom „deutschen Sonderweg“, ohne zu berücksichtigen, dass die meisten Länder Europas und der Welt überaus eigentümliche Wege gegangen sind. Dabei werden bis heute verzerrte Geschichtsbilder erzählt. Die Abwertung Deutschlands in linkskulturalistischen Kreisen muss dabei gelesen werden als die psychoneurotische Projektion von eigener individueller Selbstabwertung. In der Antifa-Bewegung, jenem späten und wirren Kind der 68er, erreicht die Antideutschtümelei mit ihrem Ruf nach dem deutschen Volkstod den Grad einer offen und aggressiv ausgelebten psychotischen Zwangsstörung. Sie bildet die Anschlussfähigkeit des Linkskulturalismus mit dem Linksextremismus.

Die Begriffsklitterei des Linkskulturalismus (von „Multikulti“ über „Interkult“ zur „Transkulturalität“) zeigt, dass die Konzepte mit dem, was sie beschwören möchten, fremdeln. Der inhaltliche Mangel wird durch eine poststrukturalistische Sprache getarnt, die mit diffusen Begrifflichkeiten Wissen simuliert. Sie wendet sich in nihilistischer Weise gegen eine vermeintliche Mehrheitskultur, der sie wahllos „Essentialismus“, „Kulturalismus“, „Eurozentrismus“, „postkoloniale Diskurse“, „Othering“ oder „Differenzialismus“ unterstellt. Diese Ideologiebildung ist selbst zum Ausdruck einer Anti-Aufklärung geworden.

Die linkskulturalistische Kritik will delegitimieren, ohne sich den Maßstäben wissenschaftlicher Redlichkeit zu stellen. Man meint offenbar, dass sich ideologiefreie Hypothesen, gründliche Analysen und schlüssige Argumentationen erübrigen – und wendet sich gegen angeblich bestehende „Zuschreibungen“ und „Narrative“ ohne die eigenen kritisch zu hinterfragen. Wer so denkt, läuft Gefahr, in den selbstreferentiellen Stereotypen eines eigenen Verblendungszusammenhangs zu versacken. (…)

Das Konzept von der Einwanderungsgesellschaft und ihres „Intercultural Mainstreaming“ präsentiert sich als Heilslehre, die in ihrem Bestreben, keinen anderen Gedankengang außer dem eigenen gelten zu lassen, normative Züge annimmt. „Interkultur ist kein utopischer Entwurf, sondern eine Handlungsregel“, formulierte jüngst der Publizist Mark Terkessidis den doktrinären Charakter dieser Position.

Grundsätzlich aber unterläuft dem Interkulturalismus-Ansatz ein Sein-Sollens-Fehlschluss, indem aus einem realen oder vorgeblichen Ist-Zustand ein Soll-Zustand hergeleitet werden soll. Es geht den Sozialkonstruktivisten darum, zunächst mit theoretischen Modellen, einen faktischen Zustand in der Wirklichkeit zu konstruieren, um dem so beschriebenen scheinbaren Faktum im zweiten Schritt eine normative Kraft zu verleihen. Die Einwanderungspolitik der Grünen ist nichts anderes, als der Versuch ein theoretisches Konstrukt von Verbuntung umzusetzen, das sich auf natürlichem Wege gar nicht herstellen würde. Diese „normative Kraft des Faktischen“ wird über politische Vorfeldorganisationen verstärkt und mittlerweile als dauerhafte mediale Suggestion an die Gesellschaft gerichtet. Ein Zitierkartell von Migrationsforschern, NGOs und EU-Institutionen gibt den gegenseitigen Verweisen und Fußnoten einen Wahrheitsanstrich. In links orientierten Gesinnungsmedien gehört es bereits zum Tagesgeschäft, partikulare Befindlichkeiten zur gesellschaftlichen Erwünschtheit hochzuschreiben. Wo immer gegen eine vermeintliche konservative Hegemonie angeschrieben wird, dient dies lediglich dem Ziel, über die tatsächliche linke Kulturhegemonie der letzten Jahrzehnte zu hinweg zu täuschen.

Die politische und publizistische Taktik verfährt stets nach demselben Muster: zuerst geht es um die möglichst kleinteilige begriffliche Erfassung aller sich betroffen Verstehenden. Im zweiten Schritt erfolgt die Aufsummierung der Akteure in Form möglichst breit erscheinender Aktionsbündnisse, um politische Münze zu prägen. Aber auch das ist Absicht – der sozial-administrative Komplex verlöre ja seine Erwerbsgrundlage, wenn er nicht rechtzeitig für Nachschub an Bedürftigen sorgte. (…)

Von vielen Akteuren aus Wirtschaft und Politik ist das Argument zu vernehmen, Deutschland bräuchte aufgrund seiner demografischen Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit eine verstärkte Zuwanderung. Dass Wirtschaft und Politik jahrzehntelang Rahmenbedingungen geschaffen haben, die es massiv erschweren, Beruf und Familie zu vereinbaren, wird dabei gerne vergessen. In diesem Zusammenhang ist übrigens auch ein weiterer Irrtum gegenwärtiger Diskurse abzuräumen: Im weitesten Verlauf seiner Geschichte ist Deutschland gerade kein Einwanderungsland gewesen, kein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern aufgrund seiner begrenzten natürlichen Ressourcen bis heute ein Auswanderungsland.

Die „Migrationsfrage“, wie sie die EU-Kommission nennt und als Governance oktroyiert, stellt den seltenen Fall dar, wo linke Politik und der von ihr als neoliberal gescholtene Kapitalismus der Globalisierung an einem Strang ziehen. Die Seite des Kapitals bleibt sich dabei treu in ihrer seit je utilitaristischen Behandlung des Faktors Humankapital. Wenn etwa ein Automobilhersteller sein Engagement für eine „Charta der Vielfalt“ lobt, gleichzeitig aber über Leiharbeit und Werksverträge bei Zulieferern eine Arbeitswelt mit prekären Beschäftigungsverhältnissen befördert, wird deutlich: Zweck des Engagements ist es, zyklische Schwankungen auf dem Markt des Humankapitals zu puffern, Ausbildungskosten zu vermeiden und eine negative Lohnentwicklung sogar unter das Mindestlohnniveau zu ermöglichen. Der oft genannte „Globale Wettbewerb um de besten Köpfe“ ist eine Vernebelungstaktik des Kapitalismus: gute Köpfe erhält eine Gesellschaft, die zunächst einmal den heimischen Menschen ihres eigenen Landes die bestmögliche Erziehung und Ausbildung zukommen lässt.

Was also sagt der Begriff „Willkommenskultur“ in diesem Kontext? Es ist die Devise eines Verwaltungshandelns, das den Wünschen der Wirtschaftsapparate nach billiger Arbeitskräften und zusätzlichen Konsumenten folgt. Es ist ein rein ökonomisch-utilitaristisches Argument, in dem Menschenwürde nur vorgeblich von Belang ist. Der Linken indessen scheint nicht klar zu sein, dass sie mit ihrer Migrationspolitik die bestehenden Herrschaftsverhältnisse unterstützt. Oder sie nimmt es zynisch in Kauf, weil sie auf die zersetzerische Wirkung der Migration und das Entstehen eines neuen multikulturellen Lumpenproletariats hofft.

Was hat es zur Folge, wenn in manchen Großstädten über die Hälfte der nächsten Generation migrationsstämmig ist? Es bedeutet, dass die Verbindung zur deutschen Kultur nicht wie bei Einheimischen über familiäre Traditionen und eine regional seit Generationen erlebte und vererbte Geschichte erlernt wird. Die so genannte „Buntheit“ allein, das lässt an den entsprechenden ethnisch gemischten Ländern beobachten, produziert nicht zwangsläufig auch einen kulturellen Mehrwert und Fortschritt. In den Migrationsbiografien tut sich eine Kluft auf, die nach zwei Seiten wächst: Die Kultur des Herkunftslandes ist für den Eingewanderten nicht mehr originär aus seinem früheren gesellschaftlichen Umfeld abrufbar. Zudem fehlen das Wissen und das Verständnis für die Geschichte und das Geistesleben – der symbolischen Kulturformen und zivilisatorischen Praktiken – der neuen Heimat. Die Kultur ihres neuen Gastlandes kann sich Ihnen noch nicht in ihrem ganzen Reichtum erschließen. Und jede Generation kann nur das weitergeben, was sie selber gelernt hat. Man sollte sich auch auf öffentliche Bildungsträger nicht allzu sehr verlassen, seitdem dort die Gesinnungspädagogik der „Anerkennungskultur“ andockt. Zudem ist zu befürchten, dass auch die deutschen Universitäten mit ihren verkürzten Studienzeiten das Wissensvakuum nicht mehr ausgleichen können. Der BA-Abschluss gilt bereits als Bildungsscheitern. Und die kulturtragende Schicht stagniert allein dadurch, dass rund ein Drittel der Akademiker und Akademikerinnen kinderlos bleibt.

Auch wenn der Linkskulturalismus in Deutschland sich derzeit gerne als internationalistische Vielfalt präsentiert, darf kein Zweifel darüber bestehen, dass dahinter ein ideologisch verhärtetes, politisches Programm steht, das der einheimischen Kultur destruktiv gegenüber steht. Dies liegt zum ersten in seiner Geschichte. Die Linke pflegt seit den Zeiten von Karl Marx eine antideutsche und antidemokratische Tradition, die sich im 20. Jahrhundert verstärkt bei den Vertretern von Spartakusbund und KPD äußerte, die wie Rosa Luxemburg oder Karl Radek keine gebürtigen Deutschen waren, aber den deutschen Staat in den marxistischen Umsturz führen wollten. Ähnlich internationalistische Politikerbiografien findet man auch heute im Lager rot-grüner Parteien. (…)

Das überanstrengte Ethos des Linkskulturalismus, sprichwörtlich ist die Figur des Gutmenschen geworden, basiert auf einem besonders rigoristischen und nicht selten psychotischen Gut-Böse-Denken, das bereits Friedrich Nietzsche schon als Sklavenmoral karikiert hatte und das ebenfalls eine Ursache totalitären Denkens darstellt. Da es sich für das Gute hält, schließt es aus, Böses in sich zu tragen und zu bewirken. Der Linkskulturalismus stellt sich als höhere Wahrheit und moralische Wahrhaftigkeit dar – eine Haltung die durch den roten Terror deutlich widerlegt worden ist.

Auffällig ist drittens sein Bemühen, sich in den sozialen und politischen Entscheidungsebenen festzusetzen und in das gesamte Kapillarsystem der Gesellschaft einzusickern: in Parteien, politischen Apparaten und Behörden, aber auch in politische Vorfeldorganisationen wie Vereine, Gewerkschaften, Stiftungen, selbst ernannten Expertenräten und Ähnlichem mehr. Das Ziel dabei ist, schleichend normative Änderungen in der Rechts- und Verwaltungspraxis sowie auf allen Politikfeldern zu erzwingen. Und falls dies nicht im eigenen Land gelingt, dann über den Umweg der EU oder UN.

An der Integrations- und Genderpolitik lässt sich ein viertes Merkmal erkennen. Der Linkskulturalismus versucht, den Hochschul-, Erziehungs- und Bildungssektor in der eigenen Hegemonie zu halten. Angefangen von speziellen Hochschulprogrammen, über die Rahmenlehrpläne in Schulen bis hinunter zur frühkindlichen Umerziehung in Grundschulen und Kindergärten, die auf „Sensibilisierung“ und entsprechende Schulmaterialien setzt. Dieses System zielt darauf ab, die Eltern schon zu einem frühest möglichen Zeitpunkt von ihren Erziehungsmöglichkeiten zu trennen und Kinder den linkskulturalistischen Ideologemen zu unterziehen.

Ein weiterer Aspekt ist die derzeit gut zu besichtigende Praxis, die öffentliche Meinungsbildung zu kontrollieren. Infolge bestimmter Medienmonopole zeigt sich ein linkskulturalistisches Meinungsmonopol – vom Befolgen öffentlich-rechtlicher Intendanzpolitik, der Hauspolitik vieler Medienhäuser mit linker Parteinähe oder sogar Parteibeteiligung, bis hinunter zur Einübung linker Positionen in der Journalistenausbildung. Diese Stelle ist bereits der Übergang zur öffentlichen Gedankenkontrolle und Indoktrinierung der Öffentlichkeit. Der Komplex der so genannten politischen Korrektheit verlangt eine permanente innerpsychische Selbstüberwachung die sich stetigen Loyalitätsbekundungen zu äußern hat. So lassen sich im Linkskulturalismus mühelos viele Merkmale eines totalitären politischen Systems finden. Eines davon ist auch die Gewalt der Straße, auf die insbesondere linksautonome und linksextremistische Gruppen ein eigenes Monopol erheben.

Es geht für die Zukunft der deutscher Kultur um einen Paradigmenwechsel: Allerdings nicht im Sinne eines Linkskulturalismus oder Sozialkonstruktivismus, der die Kulturvergessenheit der 68er fortschreibt. Ihre Annahme, dass Kultur nur ein Konstrukt sei, ist lediglich ein Fortsatz linker Theoriebildung. Ihr Ideologem besagt, dass die gesamte Menschennatur und –kultur nur konstruiert sei. Mit dieser Hypothese versucht sie Akzeptanz dafür zu schaffen, dass sie selbst als Konstruktionsmacht tätig wird.

Das sinnvollere Paradigma muss auf der eigentlichen kulturellen Substanz Deutschlands aufbauen. Im Gegensatz zum theoretischen Design des Sozialkonstruktivismus verfügt das gegebene Kulturgut über die eigentliche ontologische Kraft. Wer nach wirklichem und substanziellem Kulturerbe sucht, wird sehr gut in den Mittel- und Kleinstädten fündig, in den vielen sorgsam gestalteten, einem Künstler oder einer regionalen Lebensart gewidmeten Museen, in denen die Seele dieses Landes zu Hause ist. Von Wohnhaus eines Johann Heinrich Voss in Otterndorf an der Elbmündung bis zum Turm der Annette von Droste-Hülshoff in Meersburg am Bodensee. Gerade die Kulturlandschaften Ost- und Mitteldeutschlands – von Quedlinburg bis Wittenberg, von Ahrenshoop bis Meißen, von Wörlitz bis Muskau, oder der Verbund der 22 „kulturellen Gedächtnisorte“ – vom Winkelmann-Museum in Stendal bis zum Robert-Schumann-Haus in Zwickau – haben der gesamten Nation wieder die Augen für die Bedeutung ihres eigenen Kulturerbes geöffnet.

Das erhaltene Kulturerbe in Deutschland, das in seiner ganzen Schönheit und Einzigartigkeit mehrfach und wie durch ein Wunder jahrzehntelange Kriege, Feuerstürme, Vertreibungen, Plünderungen und Territorialverluste überstanden hat – dieses Kulturgut in Worten und Werken kann nur jemand gering achten, der sein Land nie kennen gelernt hat oder an der eigenen Kulturbildung gescheitert ist. (…)

Wohlgemerkt: Es waren nicht Frankreich oder die USA, es war das mittelalterliche Reich deutscher Nation, aus dem heraus mit der eidgenössischen Schweiz die erste Demokratie der Neuzeit entstand. Und es war eben dieses Reich mit seinen vielen städtischen und kleinstaatlich-feudalen Freiheitsinseln, in denen zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert das heimische Bürgertum seine große geschichtliche Leistung erbrachte: die Gültigkeit der deutschen Kultur zu erweisen und die Einheit des Landes vorwegzunehmen. Eine bewundernswerte Leistung, die sich seit der Vereinigung nach 1990 auf beglückende Weise wiederholt.

Ein Menschenleben reicht kaum aus, um das Wissen und Wirken von deutschen Gelehrten, Geistlichen, Schriftstellern, Tonkünstlern, Forschern, Erfindern, Ingenieuren, bildenden Künstlern, Bauherren, Militärs, Staatsrechtlern und Politikern, Männern wie Frauen zu verstehen. Es gibt nicht den geringsten Grund, diese aus der Tiefe von Zeit und Raum gewachsene Leitkultur wegen eines linkskulturalistischen Konstrukts in Abrede zu stellen.

Mehr denn je bedarf es des entschlossenen Engagements aller gesellschaftlichen Kräfte, um die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland auf ihrem Bildungs- und Lebensweg für das einzigartige und identitätstiftenden Kulturgut des eigenen Landes zu begeistern und dafür auch die entsprechende Kulturpolitik und die Bildungsrichtlinien für die nächste Generation zu schaffen, die trotz Globalisierung und trotz jeweiliger Migrationshintergründe in der deutschen und europäischen Kultur ankommen muss. Besichtigen etwa Gesamtschulen in NRW verpflichtend die Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen? Man könnte viel lernen über eine christliche Reichsidee, die sich architektonisch bezieht auf die Kirche San Vitale in Ravenna oder den Chrysotriklinos im Kaiserpalast von Konstantinopel. Von Berlin-Neukölln, das seine Gründung unter anderem protestantischen Glaubensflüchtlingen aus Böhmen verdankt, ist es ein kurzer Weg nach Halle, wo es Händel zu entdecken gibt und wo die Franckeschen Stiftungen die Weltoffenheit und den global orientierten Bildungsgedanken des Pietismus erfahrbar machen.

Zum deutschem Kulturerbe gehört auch das Werk des wohl menschenverständigsten Denkers des 18. Jahrhunderts: Johann Gottfried Herder. Irrtümlich ist Herder von Vertretern des Linkskulturalismus gleich mehrfach falsch interpretiert worden. Einige lasen ihn als Vordenker eines linken Multikulturalimus, andere, genau umgekehrt, als Vordenker eines rechten Ethnopluralismus. Der Philosoph Wolfgang Welsch leistete sich sogar eine wissenschaftlich unredliche Fehlinterpretation des Herderschen Kulturverständnisses, um im Widerspruch dazu sein Modell des Transkulturalismus zeichnen zu können.

Aus der Sicht unserer kulturwissenschaftlich geschulten Gegenwart erscheint Herder insbesondere durch sein Werk „ Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ als der eigentliche Genius seines Zeitalters. Bei kaum einem anderen Denker verbinden sich die Ideen des Kulturaustausches, des Antirassismus und Antikolonialismus so schlüssig mit dem Begriff der Kulturnation und der Humanität als ihrem eigentlichen Zweck.

Es ist für jede Gesellschaft selbstverständlich, die eigene Kulturgeschichte in Zeiträumen von Jahrhunderten und Jahrtausenden zu verstehen, in sich zu tragen und zu vergegenwärtigen. Kultur findet ihren Sinn in sich selbst, als Eigenart und Selbstbeschreibung einer Gesellschaft innerhalb ihres Kulturkreises und aus der Tiefe der Zeit. Ihre Verpflichtung gilt in erster Linie dem Kulturgut, das sie in sich trägt und dem sie geschichtlich ihr Entstehen verdankt. Ihre Verantwortung gilt der Gegenwart und Zukunft, für die sie dieses Kulturgut pflegt, es nutzbar macht, weiterentwickelt und darüber die eigene Zukunftsfähigkeit sicher stellt. Dies ist die eigentliche Herausforderung der Deutschen im 21. Jahrhundert.