Waldgang ( # Jünger )

„Dem Machtkampf geht der Bilderabgleich und Bildersturz voraus. Das ist der Grund, aus dem wir auf die Dichter angewiesen sind. Sie leiten den Umsturz ein, auch den Titanensturz. Die Imagination und mit ihr der Gesang gehören zum Waldgange.“*

Dem Mann, der Frau,
voran schreitend
durch die Freiheit der Zeichen
ins Freie der Tat,
ist nicht mehr auszuweichen.

Mensch, du wirst wesentlich sein.

Und kein Verweilen
in der Seinsvergessenheit jener,
denen Heimat nicht mehr Heimat bedeutet,
die mit Heimsuchung und Heillosigkeit die Grenzen verletzen,
weil ihnen das Heim und sein Gesetz nicht mehr gelten.

Die zu aller Freiheitsfremdheit noch liebedienerisch sind,
Die ihr euch Schreiber nennt, Geistesschaffende,
und doch die Weise nicht kennt vom Wirken des Geistes,
mit dem man wie ein Erster seines Volkes ringen muss,
die ihr das eigene Menschsein nicht verteidigt,
nicht teilhabt an dem was leidet und arbeitet mit der ganzen
entschiedenen Kraft seines heißkalten Herzens,
ihr werdet nicht wesentlich sein.

Weil nichts als Biederkeit in euch lebt,
die sich mit verstiegenem Wortspiel das Leben vom Leibe hält,
mit fader Harmlosigkeit, mit der ihr seit Jahr
und Jahrzehnten der eigentlichen Anfechtung ausweicht.
Weil euer Gezweig sich wie Misteln verbreitet
und nicht wie die Kronen des Waldes,

und weil ihr euch treiben lasst im Zug der Zeit,
euch mit gesteigerten Empfindlichkeiten
der Macht des Leviathans unterwerft,
und weil ihr die Feigheit besitzt,
der Freiheit eures Landes nicht beizustehen,
und weil eure Seelen nicht aufbegehren in Wagemut oder Wut,
die man geübt haben muss, um der Welt entgegen zu treten,
weil ihr die Gefahren, die es zu verachten gilt,
nicht einmal zu ahnen scheint, und weil ihr
keine Worte findet von der Kraft des Umbruchs,
und weil ihr nicht schreibt für die Ewigkeit,
und ihr bestenfalls als Vergessene
späteren Zeiten Verweise sein werdet
aus diesen Versen.

 

* Ernst Jünger. Der Waldgang. Stuttgart 2014. Seite 15.