Unter christlichen Waffen ( # Erasmus )

Du wirst auch den Helm des Heiles finden und das Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist.“ *

Da ließ ihm der Geschützgießer verbriefen: Verehrter Erasmus, was ihr in Zeilen kleidet und ich in Eisen, ist eines Geistes. Streiter wir beide,  greifen wir der Bestimmung in die eichenen Speichen: Einer stemmt, damit das Rad nicht den Hang hinab geht, der andere schiebt, damit das Feuerstück in Bewegung kommt. Nicht, dass ich eure Zweifel nicht teilte. Zuviel Innehalten aber darf sich der christliche Ritter nicht leisten, sonst reiten ihm Tod und Teufel zur Seite. In euren eigenen Worten, gerade aus dem eigenen Inneren fällt uns die feindliche Schlachtreihe an. Warum singt kein Stimmchen mehr ein Kyrie in der Kirche der heiligen Weisheit? Wo die Christenheit die zweite Wange hinhält, schwingt sich der Antichrist auf. Wo sie sich nötigen lässt, die zweite Meile mitzugehen, endet ihr Weg. Wo sie den Mantel dem Rock hinterher wirft, verliert sie Land und Leben. Lasst es mich so unterscheiden: Der Dienst für Christus ist ein Dienst des Friedens – der Dienst für unsere Christen ist ein Wehrdienst. Ganz wie ihr schreibt, viel wünschenswerter ist es doch, unter dem Feldzeichen Christi zu kämpfen als unter dem Banner des Satans. Es gibt keine Pastoralmacht ohne den Kriegsmann der Kirche. Streitbarkeit ja – wenn auch sicherlich nicht um der Streitsucht willen. Der Eisenkocher, so dachtet ihr wohl, hat eine Anleitung zur Tugend verdient. Bedenkt aber folgendes: Wenn ich Kanonen gieße, dann deshalb, weil ich schon Glocken in Form goß. Eines lässt sich ins andere schmelzen: Kanonen zu Glocken, Glocken zu Kanonen, was immer Zeiten und Notwendigkeiten erfordern. Wer sich versteht aufs Mischen der Metalle, dem braucht ihr den Wert von Bildung nicht erklären. Ich folge euch in dem Wissen, dass es nötig ist, Wahrheit über sich selbst zu erhalten. Verstehe ich recht, geht es euch um die Selbsttechniken der Seele. Selbstkenntnis braucht, wer Menschenkenntnis anstrebt, Selbstführung braucht, wer Menschenführung pflegt, und Selbstbeherrschung braucht, wer Herrschaftswissen in die Tat setzt. Oder wie ihr Gelehrten wohl sagen würdet, keine Gouvernementalität ohne Selbstgovernanz. So wir also vom christlichen Soldaten sprechen, lasst es uns halten mit den Worten der salomonischen Weisheit: Er legt seinen Eifer als Rüstung an und gebraucht zur Bestrafung der Feinde die ganze Schöpfung als Waffe. Als Panzer legt er Gerechtigkeit an, als Helm setzt er ernstliches Recht auf. Heiligkeit ergreift er als unbezwingbaren Schild. Den grimmen Zorn schärft er zum Schwert. Das Handschwert, das ihr mir als Enchiridion eignetet, erwidere ich also von Herzen mit dem Fernschuss dieser Epistel. Damit wir auch weiterhin einander Verteidiger sein werden in der beiderseitigen Sache. In der Gnade unseres Herrn, der Liebe Gottes und der Gemeinschaft des heiligen Geistes. Mit den besten Empfehlungen, gegeben zu Mecheln im Jahre des Herren 1503.

* Erasmus von Rotterdam, „Enchiridion Militis Christiani (Handbuch eines christlichen Streiters)“, Darmstadt 1968, S. 93, Zitat in Anlehnung an Epheser 6:14-17