Daueralarm

Also das ist mit uns nicht zu machen!

Baut Barrikaden –
trommelt das Jammerkartell zusammen!
VIVAT das große Gegrabsche,
das sich Gesellschaft nennt.

Also das ist mit uns nicht zu machen!

Wahrlich, im Musterland des Handaufhaltens,
wo der soziale Friede die Torwand abgibt,
dass passend zur Sonntagsfrage
irgendein Schwalbenkasper
den Speck nach der Schwarte bolzt,

und Programmatschiks ihre Lebenslügen noch
und nöcher tief in den Fressnapf lallen,
und machen einander
den ewig glasigen Blick nach –
na bitte, wer halbwegs noch kann,
sieht den Handlungsbedarf gleich mal doppelt
im Vollrausch des Vorruhestandes –

denn das ist an der Tagesordnung:
dass der Griff in die Taschen des Nachbarn
den Segen der Wilhelmstraße genießt –
na wer wohl!
Weil schließlich doch alle nichts anderes wollen,
als was ihnen zusteht.
Was immer das sein mag!

Hasma ´ne Milliarde?

Während sich alles ans Füllhorn ranschmeißt
und die Beschenkten mit ganz frischem Stoff
ihren psychosozialen Verfall betreiben,
während landunter landab
die altneuen Seilschaften
klammheimlich hoffen,
dass der Abschwung auch ja bloß
direkt bei den Menschen ankommt,
jachtern Kassandren durchs Abendprogramm
und verwandeln es hasterklabaster
in eine Beschaffungsmaßnahme
für Schwarzmalerei, na also,
geht doch, die diagnostische Rasterfahndung.

Höchste Zeit für den Dreh am Daueralarm!

Denn das ist Programm:
hier in der Bonusrepublik, hier im Museum der modernen Totschlagsargumente,
wo sich die Entmündigungszunft
immer neue Bedürftige züchtet,
und die seit Jahrzehnten
die Dampfkeulen schwingen,
in schaler Debattenluft
Nachtrag um Nachtrag beschließen zur Lage der zugepumpten Nation,
lassen mal wieder, abrakadabra,
gar mächtig Reförmchen rieseln,
weil schließlich noch jedes Abzockbrosam
seine dankbaren Abnehmer findet,
weil ja eh schon das Land
nichts weiter mehr ist als ein Schuldenstand,
wo Demokratie soviel heißt wie:
die Nazis könnten´s wohl auch nicht besser.

Und was ist denn nicht faul im Staate Schilda?

Wo der nach dem Haken geschnappt hat
verlangt, dass auch alle anderen anbeißen sollen,
gefälligst, hierzulande, wo es sich immer noch
am besten mit der Kalkleiste im Kopp regiert,

wer will sich noch dazu bequemen,
die Risiken des eigenen Lebens zu tragen,
wo die Verdienste zukunftsweisenden Versagens
seit je nach vollen Bezügen schreien –
weil da auch noch dies, das und jenes
geregelt sein muss, kann und werden wird,

in diesem Land, selbstfremd und abgebrannt,
mit dessen Verstand
es nicht mehr weit her ist.

(2008)

Erstveröffentlicht in:
Boris Preckwitz, szene.leben – poems und Performance, Passagen Verlag, Wien, 2009, S. 65 ff.
ISBN: 978-3-85165-907-8